Gravity...was wäre ein Schlagzeuger ohne die Schwerkraft! Die Kunst, fast ohne Muskelkraft einen Großteil der Bewegungsarbeit dem Eigengewicht unserer Schlägel oder manchmal unserer Hände zu überlassen um ins Innere des Klanges eines jeden unserer Instrumente vorzudringen. Das Spiel mit der Schwerkraft wird also zum Spiel mit und um den Klang selbst. Gestische und choreographisch organisierte Bewegungsabläufe dienen nicht dem Selbstzweck sondern allein der Strukturierung und klanglichen Umsetzung unserer Partituren. So unterschiedlich diese sein mögen, so vielfältig muss das klangliche und gestische Repertoires des Interpreten sein. Stetig lernt man erneut, lernt hinzu, denn Schlag ist nicht einfach gleich Schlag.
Bei Iannis Xenakis' zweiteiligem Werk Rebonds (1987-89) ist genau dieses Phänomen des Schlages respektive seines Rückpralls nach dem Auftreffen auf das Fell Gegenstand der kompositorischen Idee. So wird die einzelne Geste des aufprallenden Schlägels als Formmodell expandiert auf einen großen Strukturzusammenhang. Auffallend dabei ist, daß sich, ähnlich dem Bewegungsablauf eines springenden Gummiballs, die Impulse zunehmend verdichten, somit also eine Art Beschleunigungsform ensteht. Diese führt dazu, daß der Interpret hier technisch bis ans Limit seiner Möglichkeiten gebracht wird. Dieses "Über-sich-hinaus-wachsen" verleiht dem Werk eine faszinierende, beinahe transzendente Aura. Anders als in vielen seiner Kompositionen weckt dieses Schlagzeugsolo zwar keine Assoziationen zur antiken Mythologie, jedoch schafft Xenakis gerade durch disziplinierte kompositorischen Strategien und eine stringende Zeitorganisation ein wuchtiges, virtuoses Werk voll ritueller Kraft.
Bei nemeton (2007) von Matthias Pintscher birgt bereits der Werktitel eine geheimnisvolle Grundtimmung. Der Begriff nemeton entstammt der keltischen Mystik und bezeichnet die magischen Orte, an denen Druiden ihre Zeremonien abhielten. Laut Pintscher ein " Ort gebannter Energie". Diese Energie sammelt sich zunächst zwischen den vereinzelten Tonpunkten, die sich nach und nach zu Klangkaskaden verbinden, und in lauten Höhepunkten entladen. Das Werk sucht die Utopie des "legato" der verschiedenen kurz klingenden Holzinstrumente, untersucht das gesangliche Potential eben dieser zunächst so trocken und punktuell erscheinenden Klangerzeuger. Doch die schönsten und zartesten Stellen des Stücks entstehen dort, wo die Klänge, ihrer Schwerkraft beraubt, bis an die Grenze des Hörbaren in einen zeitlosen Zustand der Stille versickern, bevor sie, sich erneut verdichtend, mit aller Kraft im apotheotischen Schluß münden. Nemeton ist in enger Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger Rainer Römer entstanden und war Auftragskomposition des 56. Internationalen Musikwettbewerbs der ARD in München.
Stille, Bewegung und mäandernder Zeitfluß sind auch Eigenschaften der Reflections on the nature of water (1986) für Solomarimba von Jacob Druckman. In sechs Miniaturen werden verschiedene Charaktere des Wassers dargestellt. Ein für mich außerordentlich faszinierendes Element, Grundlage allen Lebens, gegenwärtig in den unterschiedlichsten Formen als Gas, Eis oder Flüssigkeit. Doch nicht nur diese physikalischen Eigenschaften, auch sein poetisches und assoziatives Potential hat Künstler aller Epochen immer wieder angeregt. Man denke hier beispielsweise an Komponisten des Impressionismus, zu deren Tonsprache Druckman sicherlich Affinität aufweist. Geschmeidig, fluide und dennoch fähig in steter Unnachgiebigkeit sogar einen Stein zu formen und zu ändern. Der schottische Landschaftskünstler Andy Goldsworthy hat immer wieder erwähnt, wie sehr ihn die Arbeit mit Wasser, insbesondere an Flüssen, gelehrt hat. zeitliche Abläufe besser zu verstehen. Jacob Druckman versteht es gekonnt durch die Reduktion seiner kompositorischen Mittel, diese unterschiedlichen assoziativen Klangbilder konzis auszudrücken. Repetierte Motive erinnern an zyklische Abläufe, Dinge kehren wieder, haben sich im Lauf der Zeit natürlich verändert. Dabei scheinen diese Miniaturen der Marimba wie auf den Leib geschrieben. Gekonnt wird das klangliche Spektrum des Instrumentes ausgelotet und die so detailierte Partitur bietet dennoch einen großen spielerischen und erfinderischen Entfaltungsraum.
Calculo Secreto (1995) des spanischen Komponisten José Manuel Lopez-Lopez erfordert einen vollen, stellenweise nahezu orchestralen Vibraphonklang. Hier ist man erneut auf die Hilfe unserer so vertrauten Schwerkraft angewiesen. Das Stück wurde 1992 für den spanischen Schlagzeuger Miguel Bernat geschrieben. Aus einem Akkordarpeggio, dessen harmonische Zusammensetzung sich als zentraler Klang erweist, der durch das gesamte Stück führt, entwickelt sich ein kaleidoskopartiges Formlabyrinth in dessen stark kontrastierenden Auswüchsen einzig die harmonische Substanzgemeinschaft Zusammenhang stiftet. Wichtig ist Lopez-Lopez das Spiel mit Resonanzen. Harmonische Einfärbung durch Klänge, die in den akustischen "Resonanzschatten" des Vorhergehenden gespielt werden.Elegant "verduftet" die Musik, nachdem sich ein letztes Mal wasserfallartige Tonkaskaden zu einem virtuosen Höhepunkt aufschaukeln.
Eine Art "Mikrovirtuosität" zeichnet die fantasievollen und erfinderischen Schlagzeugwerke von Vinko Globokar aus. Entschieden gegen die Zusammenstellung einer riesigen Klangbatterie, konzentriert sich seine Musik auf die Klangvielfalt und Poesie einzelner Instrumente. In Toucher (1973) für einen sprechenden Schlagzeuger sucht der Interpret sieben eigene Instrumente nach freier Wahl zusammen. Die einzige Vorgabe ist, dass diese Instrumente klanglich den Vokalen und Konsonanten des zu rezitierenden Textes entsprechen müssen. Darüber hinaus muß der Spieler durch viele unterschiedliche und spezielle Spieltechniken (ausschließlich mit den Händen) die klanglichen Feinheiten der Sprache umsetzen und seine Instrumente zum sprechen bringen. Die Textgrundlage des Werkes ist die französische Übersetzung von "Das Leben des Galileo Galilei" von Bertold Brecht. Sechs Ausschnitte sind als einzelne Szenen ohne chronologische Folge aneinandergereiht und durch kurze Interludien getrennt. Der Interpret fungiert also in Personalunion als Schauspieler, Erzähler, Betrachter und Schlagzeuger, in einem rasanten Wechselspiel der verschiedenen Rollen und Charaktere. Im Verlauf des Stücks nimmt die Dominanz der Sprache ab, die Instrumente übernehmen in den mittleren Szenen die erzählerische Verantwortung.
Alle Werke dieser Einspielung zeigen ganz unterschiedliche Facetten des Schlagzeugrepertoires. Entstanden zwischen 1973 und 2007 also innerhalb etwa 30 Jahren unseres jungen Repertoires, repräsentieren sie ganz individuelle und persönliche Kompositionen, deren Entstehungsgeschichte oft verknüpft ist mit einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Interpret und Komponist. Die Schlagzeuger der ersten Generation, die vielen Meisterwerken von heute den Weg ebneten, habe reife Früchte geerntet, die nach unterschiedlichen Gärungprozessen den jüngeren Generationen weitergegeben wurden. Sie haben uns einen Fundus beschert, den zu pflegen, stetig weiterzuentwickeln und durch neue Ideen und Werke zu bereichern und ergänzen, mit zu unserer Verantwortung als Interpret gehört.